Wie sich Onlinesüchtige aus der virtuellen Welt befreien

Avatar aus dem Computerspiel "World of Warcraft", Computerspieler. | Bildquelle: picture-alliance/dpa/ARD.de/Kombo: ARD.de

Droge Internet

Wie sich Onlinesüchtige aus der virtuellen Welt befreien

Anja Hübner

Surfen, chatten, online spielen: Das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Doch einige Menschen driften v?llig in die virtuelle Welt ab – und werden süchtig nach dem World Wide Web. Solche Online-Junkies behandeln Therapeuten vom Mainzer Universit?tsklinikum in der Ambulanz für Internetsüchtige.?

Es stinkt nach abgestandener Luft und Abfall. In der Küche kriechen Maden. Auf dem Fu?boden im Wohnzimmer h?ufen sich Kleidung, Papier und Müll. Nur eine schmale Passage zwischen Tisch, Bett und Toilette ist frei. Inmitten des Chaos’ sitzt Daniel Beier (Name ge?ndert). Wie paralysiert starrt er auf den Computerbildschirm. Die Wohnung hat er seit Tagen nicht verlassen, seine Mahlzeiten kommen aus der Mikrowelle, vor einer Woche hat er das letzte Mal geduscht. Seine Finger drücken hektisch auf die Tasten der Tastatur. Daniel Beier hat eine Mission: Er k?mpft gegen Monster. Seit 17 Stunden, fast ununterbrochen.

Jugendliche sind besonders gef?hrdet

Nach Sch?tzungen der Bundesregierung sind rund 560.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren abh?ngig vom Internet. Weitere zweieinhalb Millionen User zeigen dem Drogen- und Suchtbericht 2012 zufolge bereits ein problematisches Internetverhalten. Besonders gef?hrdet seien Jugendliche: Allein unter den 14- bis 16-J?hrigen gilt eine Viertelmillion Surfer als süchtig. Dabei wird die Internetsucht von dem Verlangen nach Onlinespielen dominiert - so wie bei Daniel Beier. Menschen wie er k?nnen nicht mehr steuern, wie viel sie im Internet sind, verlieren die Kontrolle und den Kontakt zur Au?enwelt. Sie spielen zum Beispiel das Onlinerollenspiel "World of Warcraft" (engl. Welt der Kriegskunst) oder sie verbringen fast ihre ganze Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook und StudiVZ. Und das immer exzessiver.

Eingang der Ambulanz für Spielsucht in Mainz. | Bildquelle: ARD.de

Am Mainzer Universit?tsklinikum sprechen Psychologen dann von einer Sucht. Diese neue Form der Abh?ngigkeit hat ein hohes Suchtpotenzial. Denn die Betroffenen fühlen sich gefangen in den Weiten des Internets. Im Jahr 2008 haben Psychologen der Mainzer Ambulanz für Spielsucht deshalb eine spezielle Therapie für Onlinesüchtige entwickelt, die erste in Deutschland mit gruppentherapeutischem Angebot. Seitdem helfen sie Abh?ngigen sich aus ihrer virtuellen Welt zu befreien.

Monster t?ten per Mausklick

Daniel Beiers Avatar, seine virtuelle Spielfigur, l?uft durch die Fantasiewelt des Onlinerollenspiels World of Warcraft. Hier gibt es Tag und Nacht, virtuellen Regen, Schnee und Sonnenschein. Es wimmelt von Gnomen und Trollen, von Orks und Blutelfen, hinter allen Figuren stecken Spieler vor ihren Computerbildschirmen. Beiers Avatar ist mittendrin: Der Todesritter tr?gt eine Rüstung mit einem blinkenden Gürtel. Gemeinsam mit den anderen Avataren streift er durch Wüsten und St?dte – immer mit dem Ziel Monster aufzuspüren und sie per Mausklick zu t?ten. Dafür bekommt Beier Erfahrungspunkte und Gegenst?nde von den besiegten Monstern.

"Belohnung, Belohnung, Belohnung. Alles l?uft super, man erfreut sich an der Sch?nheit der Welt und des v?lligen Fehlens irgendwelcher ernsthaften Probleme", sagt Beier. "Man macht weiter und weiter und ohne es zu merken, zieht man die virtuelle Welt der echten vor – und dann ist es schon passiert." Beier meint das Abrutschen in die Sucht. Zweieinhalb Jahre lang war er abh?ngig, gefangen in der virtuellen Spielwelt. Reale Freunde hatte der damals 26- J?hrige keine mehr, seine Beziehung war zerbrochen und sein Arbeitgeber drohte ihm mit der Kündigung. In seinen schlimmsten Zeiten spielte er t?glich 16 bis 18 Stunden.

"Viele Betroffene sagen: Im Netz bin ich wer."

Die Mainzer Forschungsambulanz versucht für die Internetabh?ngigkeit zu sensibilisieren und das vage Wissen über die neuartige Sucht konkret zu machen. Bundesweit ist sie Vorreiterin in der Therapie von Internetsüchtigen.

Neun Alarmsignale für eine Internetsucht

  1. Internetsüchtige vernachl?ssigen ihre Freunde, ihre Arbeit, ihre Wohnung und sich selbst.
  2. Sie spielen oder surfen mindestens zw?lf Monate am Stück exzessiv.
  3. Sie zeigen Entzugserscheinungen wie Schlafst?rungen, Gereiztheit und Schwei?ausbrüche.
  4. Sie k?nnen dem Verlangen weiter zu spielen oder surfen nicht widerstehen.
  5. Sie denken an das Internet, auch wenn sie nicht vor dem Computer sitzen.
  6. Ihre Versuche aufzuh?ren scheitern.
  7. ?Sie nutzen das Internet als Kanal für ihre Gefühle.
  8. ?Ein anf?nglich angenehm belohnendes Gefühl wird zunehmend als belastend empfunden.
  9. Sie verlieren die Kontrolle über das Ausma? des Spielens oder Surfens.(Quelle: Ambulanz für Spielsucht Mainz)

"Wir behandeln alle Formen von Onlinesucht", erkl?rt Anke Quack, Mitarbeiterin der Ambulanz für Spielsucht. Das kann die Sucht nach Online-Glücksspielen wie Poker sein oder der Drang st?ndig zu chatten und durch soziale Netzwerke zu surfen. Auch die exzessive Informationssuche im Netz und die Sucht nach Online-Pornographie nehmen zu. "Aber etwa 80 Prozent unserer Patienten sind süchtig nach World of Warcraft", sagt Quack. "Das Spiel ist vor allem für junge M?nner attraktiv, denn hier k?nnen sie sich beweisen und Abenteuer erleben." Tats?chlich sind die meisten der Patienten in der Ambulanz für Spielsucht m?nnlich und zwischen 18 und 27 Jahre alt. "Oft sagen die Betroffenen zu uns: Im Netz bin ich wer", erz?hlt Quack.

Diese Worte hat auch Christoph Klimmt schon h?ufig geh?rt. Den Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover besch?ftigt die Frage: Was fesselt Menschen an das Internet? Beim Onlinerollenspiel World of Warcraft fasziniere nicht nur die Fantasy-Geschichte und die belohnte Leistung. Auch die sozialen Kontakte seien nicht zu untersch?tzen. "Da entstehen richtige Freundschaften", erkl?rt Klimmt. Denn sowohl schreibend, als auch über Mikrofon und Kopfh?rer k?nnen sich die Spieler in Echtzeit unterhalten. Die Zahl von 11,5 Millionen World-of-Warcraft-Spielern weltweit gibt Klimmt recht. Und Daniel Beier erg?nzt: In der virtuellen Welt gebe es keine Misserfolge und Rückschl?ge. "Irgendwann ist das dann wie in einem Hamsterlaufrad." Er sei jeden Tag glücklich ins Bett gegangen und habe die Aufgaben für den n?chsten Tag geplant.

Das Verhalten verschafft den Kick

Anke Quack von der Ambulanz für Spielsucht. | Bildquelle: ARD.de

Wer einen solchen Realit?tsverlust bei sich oder bei Freunden und Verwandten erkennt, kann bundesweit die Notfallhotline der Ambulanz für Spielsucht w?hlen. Das ist meist der erste Schritt in eine Therapie. Denn alarmieren die Schilderungen der Anrufer die Mitarbeiter am Telefon, vermitteln sie ein "diagnostisches Erstgespr?ch". Dieses kann in der Mainzer Ambulanz oder in einer anderen deutschen Suchtberatungsstelle stattfinden. Mit Hilfe eines Fragebogens wird dann ermittelt, ob die Betroffenen tats?chlich Anzeichen einer Sucht aufweisen.

Bislang ist exzessiver Internetgebrauch nicht offiziell als Sucht anerkannt, doch die Mainzer Psychologen sind sich sicher: Wer überm??ig im Internet surft, ist abh?ngig. "Studien haben ergeben, dass bei Computersüchtigen die gleichen Gehirnregionen aktiv sind, wie bei Alkoholikern", sagt Anke Quack. Onlinesucht sei aber eine Verhaltenssucht. "Den Kick verschafft keine Droge wie Kokain oder Alkohol bei einer stoffgebundenen Sucht", erkl?rt Quack. "Sondern den Kick liefert das Verhalten selbst." Onlinesucht ist vergleichbar mit anderen Verhaltenssüchten wie Glücksspielsucht, Kaufsucht oder Sexsucht. Allein der Umgang mit dem Internet verschaffe den Abh?ngigen Euphorie und Befriedigung. Quack sch?tzt: "Fünf bis zehn Jahre kann es aber noch dauern, bis exzessiver Internetgebrauch als Sucht anerkannt ist."

Stand: 22.05.2012, 14.44 Uhr

Darstellung: